Aktuelle Projekte

In dem folgenden Projekt geht es nicht nur um ein Buch, das gerade am Entstehen ist. Es geht um die Verwirklichung eines weitaus grösseren Projektes. Ich will öffentlich dazu aufrufen, den Notstand von Jungen aktiv zu beenden. Dazu braucht es sehr viele Männer, die sich als Mentoren zur Verfügung stellen und auch über ihre Taten reden. Die Mentorengeschichten sollen weitere Nachahmer motivieren und Projekte ins Leben rufen. Schreibt mir also einfach, wenn ihr selber Mentorengeschichten gehört oder erlebt habt!

Demnächst dazu mehr auf dieser Seite.

Buchprojekt: Mentoren für Jungs

„Mensch Rudi, ich werde ein Buch über dich schreiben!“. Diese Worte sagte ich vor  ca. 13  Jahren zu meinem Kfz-Meister, als einer meiner Schützlinge ein Praktikum in seiner Werkstatt erfolgreich beendet hatte. Rudi hatte vorbehaltlos einem 15-jährigen Jungen die Chance gegeben, in seiner Werkstatt ein Langzeitpraktikum zu absolvieren. Er hat dem Jugendlichen etwas zugetraut und ihn so genommen, wie er da vor ihm stand. Warum er ihm dadurch den Hintern gerettet hat, erzähle ich später. Rudi hatte etwas getan, was ich als ehrenwert empfinde. Der Jugendliche konnte sich als selbst-wertvoll erfahren und dadurch auf unerwünschtes Verhalten verzichten. Rudi ist für mich ein vorbildhafter erwachsener Mann, der sich ganz selbstverständlich als verantwortungsvoller Mentor, diesem fremden Jungen, zur Verfügung gestellt hat.

Aussergewöhnlich? Mittlerweile ja! Denn es scheint keineswegs mehr selbstverständlich zu sein, dass sich die Erwachsenen, insbesondere Männer in verantwortungsvollen Positionen, die Mühe machen, sich auf die veränderten Lebensbedingungen der nachfolgenden Generation einzustellen.

Rudi hatte meinen Blickwinkel geändert und mich veranlasst, weniger über die miesen Entwicklungsbedingungen von Jungen in unserer Gesellschaft zu jammern und mehr danach zu suchen, wo schon was in die richtige Richtung läuft. Jammern ist zwar populär, aber bringt wenig Lösungen. Ich fing an, Geschichten zu sammeln, wo Männer als Mentoren erfolgreich waren. Ich wollte wissen, was den Erfolg dieser Männer ausmacht.

Zum Hintergrund. Seit über 30 Jahren habe ich mich auf die soziale und später auch therapeutische Arbeit mit Jungen, Männern und Vätern spezialisiert. Und von Anfang an dachte ich mir, für die Jungen müssen wir mehr tun, damit sie sich gesund entwickeln können. Ich habe Elternvorträge, Vater-Kind-Wochenenden und Fortbildungen angeboten, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

In der Zwischenzeit sind viele hilfreiche wissenschaftliche Studien und Fachbücher über die Lebenslagen und Bedürfnisse von Jungen publiziert worden. Männer haben Vereine gegründet, um die Entwicklung von Jungen und Vätern zu fördern. Siehe Anhang. In den Medien können sie von den Bemühungen wenig erfahren. Populärer ist es, von der vaterlosen Gesellschaft und den mangelhaften Wachstums- und Identifikationsmöglichkeiten der Jungen zu berichten. Jungen werden als die  gesellschaftlichen Verlierer bezeichnet. Mädchen als die Gewinnerinnen auf der Überholspur. Geschlechtsspezifische Polarisierung ohne Gewinn! Warum werden nicht im grossen Stil, z.B. im Bildungssystem, die zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Veränderungen umgesetzt?

In den Fachkreisen und in privaten Gesprächen hörte ich immer wieder: „Da muss man doch mal was für die Jungs und Väter tun!“ Und ich war und bin nicht allein mit meinen Bemühungen, Jungen bessere Entwicklungsbedingungen zu ermöglichen. Trotzdem habe ich nach wie vor den Eindruck, dass ich und meine Mitstreiter/-innen in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung finden. Wenn ich nicht gezielt danach suche, bekomme ich nur zufällig Informationen in die Hände, wo Jungenarbeit, väterliche Bemühungen und mehr echte Gleichberechtigung in Eltern- und Partnerschaft gelungen sind.

Stattdessen erfahre ich aber fast täglich in meiner Arbeit den Notstand von Jungen. Sie suchen nach Halt und Orientierung auf der Männerseite. Die allgegenwärtige und meist positive Präsenz der Frauen kann das, was die Jungen da suchen, nachweislich nicht ersetzen. Die hervorragenden Errungenschaften der Frauenbewegung sind in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft deutlich wahrnehmbar. Aber wie ist es mit der Männerbewegung? „Männer… was? Hab ich noch nie gehört!“. Ja, es gibt eine erfolgreiche weltweite Männerbewegung. Warum wissen das nur wenige Leute? Fragen Sie doch mal in Ihrem Umfeld nach, wer Jemanden von der Männerbewegung kennt und was die so in Bewegung setzen wollen. Bekannt sind in der Öffentlichkeit in erster Linie die Männer, die sich in Gruppen treffen, um über die bösen Mütter ihrer Kinder zu schimpfen, die ihnen auch den letzten Cent Unterhalt, das Haus, den Wagen usw. abgeklagt haben. Sie fühlen sich als Opfer und zeigen manchmal wenig Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Es geht dann eher um das gekränkte männliche Ego. Ich habe in den letzten Jahren hinreichend Situationen mit solchen Männern erlebt, die aus meiner Sicht zwar gross, aber nicht erwachsen geworden sind. Diese Männer wurden offensichtllich nicht von männlichen Mentoren erfolgreich auf ihrer Suche nach einer erfüllenden Männlichkeit begleitet.

Im Folgenden will ich Geschichten erfolgreicher Mentorenschaft schildern und auf gesellschaftliche und systemische Zusammenhänge eingehen. Dieses Buch wird in erster Linie ein Männerbuch. Ein Hilferuf und Erfahrungsbericht ohne wissenschaftlichen Anspruch. Die Frauen leisten bereits ihren Mentorenjob im grossen Stil und die derzeit beeindruckend starken, selbstbewussten und erfolgreichen Mädchen sprechen für sich. Es wird Zeit, das auch wir Männer endlich wieder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, uns öffentlich selbstbewusst für Jungen einsetzen und über gute Taten reden. Ich will euch Männer in verantwortlichen Positionen zum vorbildlichen Handeln einladen. Besonders meine Fachkollegen, die Lehrkräfte, Pfarrer, Schauspieler, Ausbilder, Wirtschaftsverantwortliche und Politiker.

Hier die erste Geschichte…

Rudis Geschichte

„Mensch Rudi, ich werde ein Buch über dich schreiben!“. Diese Worte sagte ich vor ca. 13 Jahren zu meinem Kfz-Meister, als einer meiner Schützlinge ein Praktikum in seiner Werkstatt erfolgreich beendet hatte. Rudi hatte vorbehaltlos einem 15-jährigen Jungen die Chance gegeben, in seiner Werkstatt ein Langzeitpraktikum zu absolvieren. Er hat dem Jugendlichen etwas zugetraut und ihn vorurteilsfrei so genommen, wie er da vor ihm stand.

Damals begleitete ich den jugendlichen Schüler im Auftrag seiner Familie und des Jugendamtes als sein Erziehungsbeistand.

Der Jugendliche fiel in der Schule auf, weil er kaum eine Chance verstreichen lies, sich nicht an die Spielregeln gesellschaftlichen Zusammenlebens zu halten. Er sammelte in der Schule seit Jahren Verweise, wie andere Kinder, die zu dieser Zeit beliebten Yu-Gi-Oh-Spielekarten. Ein Teil der Liste seiner Verfehlungen reichte von regelmässiger Leistungsverweigerung in der Schule, Körperverletzung, Beleidigung und Diebstahl bis hin zu illegalem Waffenbesitz und Fahren ohne Fahrerlaubnis. Die Jugendgerichtshilfe wurde zum häufigen Begleiter. Der Junge hatte mit 15 Jahren und eher unfreiwillig, bereits 4 Helfersysteme im Gepäck. Die Berater/-innen der Schule, den Erziehungsbeistand, die Jugendgerichtshilfe und einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Er war gewohnt, dass die Erwachsenen mit ihm über sein Verhalten reden wollten und eine Verhaltensänderung anstrebten.

Es mangelte ihm nicht an der Einsicht, dass alle sein „Bestes“ wollten. Jedoch war da diese unterschwellige Wut in ihm, die ihn rastlos vorantrieb und ein „In-sich-ruhen“ verhinderte. Erst handeln, dann denken, war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Die hormonell bedingten Veränderungen in der Pubertät, verstärkten seine Impulshaftigkeit. Empfand er eine Ungerechtigkeit oder Provokation, war er nicht mehr zu halten und nahm jede Konsequenz in Kauf.

Ich habe ihn sehr aufrichtig und ehrlich im Kontakt erlebt und fand ihn ausgesprochen sympathisch. Er machte kein „Ich mach es euch recht-Programm“ für uns, sondern stand zu seinen Worten und Taten. Die Verantwortlichen in der Schule befanden sich aber in einem Dilemma. Der Junge konnte aus verschiedenen Gründen die aufrichtigen Hilfestellungen der Schule nicht annehmen und lieferte unablässig Gründe für einen Schulausschluss. Etwa 2,5 Monate vor dem Ende seiner regulären Schulpflicht, war das Fass übergelaufen und die Schule wollte, vollkommen berechtigt, seine Laufbahn sofort beenden. Sein Verhalten als Alpha-Tier hatte unter den männlichen Mitschülern Nachahmer inspiriert und war nicht mehr tragbar. Als Erziehungsbeistand verhandelte ich mit den Verantwortlichen über Alternativen. Denn es war klar, das ein Schulausschluss mit einem miesen Abgangszeugnis den weiteren Weg erschweren würde. Ich bat erfolgreich um folgende Ausnahme. Der Junge wird vom Unterricht befreit, damit alle Mitschüler sehen, dass sein Verhalten Konsequenzen hat. Er bleibt aber versicherter Schüler solange er ein Langzeitpraktikum in einem Ausbildungsbetrieb absolviert. In dieser Zeit wird er intensiv von seinem Erziehungsbeistand betreut und er hält sich von der Schule fern. Ich hatte also die Aufgabe, einen Betrieb zu finden, der ihm diese Möglichkeit bietet. Und da kam Rudi ins Spiel.

Rudi hatte im Nachbarort des Jugendlichen eine KFZ-Werkstatt in 2-ter Generation und ich war Stammkunde bei ihm. Er hat zu Recht den Ruf anständig zu sein und wirklich nur das zu reparieren, was der Kunde in Auftrag gibt, bzw. was notwendig ist. Diese Erfahrung hatte ich bislang nur selten gemacht. Ausserdem hat er ein besonderes Händchen für Autos. Sowas wie den grünen Daumen beim Gärtner. Rudi hatte Erfahrung mit Jungen, denn sein ältester Sohn war zu dieser Zeit noch Schüler und forderte ihn auch gelegentlich heraus. Heute arbeitet sein Sohn in 3er Generation als Meister in der elterlichen KFZ-Werkstatt und hat ebenfalls ein gutes Händchen für Praktikanten.

Ich fuhr mit meinem Schützling zu Rudi und er hörte sich unsere Bitte an. Es war klar, dass ich ihm keine Details von dem Jugendlichen erzählen durfte und er die Katze im Sack kaufte. Er wusste nur, dass der Junge dringend eine Chance brauchte und er vermutete, dass es nicht einfach werden würde. Ohne Schnörkel sagte er dem Jungen, was er von ihm und von mir erwarte und unter welchen Bedingungen das Praktikum zu laufen hat. Am nächsten Morgen kam der Jugendliche pünktlich zur Arbeit. Als ich ihn zum Feierabend abholte, sah ich in das Gesicht eines geschafften und glücklichen Jugendlichen. „Ich durfte einen Ölwechsel machen!“ war einer seiner ersten Sätze. Ich hab ihn kaum wiedererkannt. Rudi war schon am ersten Tag das gelungen, was wir Erwachsenen so gern als Anspruch formulieren: „Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie stehen!“. Genau beobachtet, ist „Stehen“ ja die falsche Formulierung. Schliesslich bewegen wir uns lebenslang und unablässig in unserer Entwicklung. Und Rudi hat zur rechten Zeit eine Bewegung in dem Jugendlichen verstärkt. Dem Jungen wurde gleich am ersten Tag etwas zugetraut und Eigenverantwortung zugemutet. Er durfte den Ölwechsel selbständig machen und nicht nur zuschauen. Bei der ersten Brotzeitpause erlebte der Junge bereits ein Gemeinschaftsgefühl und Wertschätzung. In der gesamten Praktikumszeit kam es zu keinen nennenswerten Verfehlungen. Die Familie des Jugendlichen nahm in dieser Zeit zunehmend positive Verhaltensänderungen bei ihm wahr. Durch die harte körperliche Arbeit und dem langen Arbeitstag veränderte sich auch der Schlafrhythmus des Jugendlichen positiv. Er wirkte zunehmend ausgeglichener und lies sich auch nicht mehr so leicht provozieren.

Während des Praktikums verinnerlichte der Jugendliche, dass er etwas zu seinem Erfolg beitragen kann und dass das aktive Lernen doch nicht sein Feind ist. Im Gegenteil, es kann sogar Spass machen. Er wechselte nach dem Praktikum auf eine Berufsschule und kümmerte sich um ein vorzeigbares Zeugnis. Später absolvierte er erfolgreich eine Berufsausbildung und trat in das Berufsleben ein.

Was ist in dieser Geschichte nachahmenswert richtig gelaufen?

  • Rudi hat durch seinen Blick, seine Haltung und Stimme von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass er der Chef und damit das männliche Oberhaupt ist. Der Jugendliche konnte dadurch auf seinen bisherigen  Alpha-Tieranspruch verzichten und sich angemessen einordnen. Die Kraft, die er für diese Rolle in der Schule bislang gebrauchte, konnte er nun für seine Konzentration auf die Arbeit verwenden. Er musste nicht mehr destruktiv konkurrieren und seinen Status verteidigen. Hier stellte niemand seinen richtigen Status in Frage. Rudi war in seiner Mentorenrolle vollkommen authentisch und nicht überheblich, wie ich es schon so oft erlebt habe. Manche Männer wollen den Jüngeren unbedingt ihre Meinung und Überzeugungen überstülpen und lassen dadurch keinen Raum für Entwicklung. Wenn ich nur mit dem Spruch komme „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, dann ist das einfach nur peinlich. In der Mentorenschaft geht es nicht um die unguten Seiten der Macht des Älteren, sondern um Verantwortung.
  • In Rudis humorvoller Obhut und Gegenwart konnte der Jugendliche auf fehlgeleitete Selbstbehauptung verzichten und sich angemessen in eine Gemeinschaft einfügen. Er lernte in wenigen Wochen, das er in der männlichen Welt auch ganz anders soziale Anerkennung erfahren kann. U.a. durch angemessene Selbstbehauptung, durch Leistungsbereitschaft, Humor und respektvollen Umgang miteinander. Respektvoll bedeutet hier insbesondere, dass der Junge seinen richtigen Platz in der Männerwelt findet. Dazu mehr im Kapitel ???.
  • Rudi hat einen Vertrauensvorschuss investiert und dem Jugendlichen einen Perspektivwechsel dadurch ermöglicht. Der Jugendliche spürte sofort, dass das Praktikum eine echte Chance für ihn ist. Er änderte faktisch von einem  auf den anderen Tag sein Verhalten.
  • Durch anwendungspraktisches Lernen mit allen Sinnen, mit Leib und Verstand, gewann der Junge wieder Lust am Lernen und Vertrauen in sich selbst. Er gab sich selbst eine Chance.

Neben der ehrenamtlichen Mentorenschaft von Rudi, waren in dieser Geschichte 2 weitere Punkte bedeutend, damit sich der Jugendliche selbst eine Chance für den Richtungswechsel gab. Zum einen, der unermüdliche Glaube seiner Mutter, das er die Kraft dazu hat, seinem Leben mehr Sinn abzugewinnen, als demnächst ins Gefängnis zu kommen. Sie kämpfte wie eine Löwin um ihren Sohn und kooperierte unermüdlich mit allen HelferInnen. Und zum anderen, das Engagement des Schulleiters und seines Kompetenzteams. Die beschriebene Lösung war keineswegs selbstverständlich. Das Schulamt musste eingebunden und das Risiko abgeschätzt werden. Welches Risiko? Es hätte auch folgendermassen ausgehen können. Der Jugendliche ergreift seine Chance nicht und sitzt sein Praktikum nur ab. Gelegentlich besucht er während der Schulzeit seine Fans in der Schulpause, sorgt für Aufsehen und erzählt prahlerisch, wie cool es ist, das er nicht mehr in die Schule muss, nur weil er Mist gebaut hat. Dadurch könnte er Nachahmer inspirieren. Solche Situationen habe ich tatsächlich in den letzten Jahren häufiger erlebt. Die Folge waren dann tatsächlich Schulausschluss und Jugendhilfe in allen kostspieligen Facetten.

Für Rudi war es völlig selbstverständlich, dass er dem Jugendlichen eine Chance gab und mir einen Gefallen unter Männern tat. Eine Ehrensache eben. Im Vorwort behaupte ich, dass dies heute keineswegs mehr selbstverständlich ist. Warum und was sich da in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft verändert hat, beschreibe ich in den folgenden Kapiteln hauptsächlich aus der Perspektive meiner Arbeit mit Jungen, als Supervisor und Fortbildner in sozialen Arbeitsfeldern und als Vater einer Tochter und eines Sohnes, die in den letzten 24 Jahren mit diesem Gesellschaftswandel aufwuchsen.